Auszug aus Teil 2:
Aus den letzten Seiten eines Kriegstagebuches
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Die Spannung lässt nicht nach, obwohl die bisherigen 400 Meter nicht auffällig waren. Kurt wechselt das Maschinengewehr in die andere Hand. Sollte man ihm Ablösung anbieten? Ein kleines Zeichen hinüber, ein Zeichen zurück: nein. Neben ihm schleppt Franz die beiden Munitionskästen, ein Munitionsgurt baumelt aus dem Schloss des Maschinengewehrs, das Zweibein, auf dem der Lauf beim Einsatz zu liegen kommt, baumelt nach unten. Bedenklich schauen sich die Nebenmänner an. Sie würden sich am liebsten Mut zusprechen und sagen: „Nichts gewesen.“ Doch das weiß noch niemand. Jeder Trost wäre zu billig und das mutet man dem anderen nicht zu. Jeder ist versunken in sich, obwohl die Augen argwöhnisch zum Waldrand lauern. Warum bewegt sich dort nichts? Wir würden uns auch nicht bewegen, wenn wir dort drüben lägen. Ein gutes Zeichen? Ein schlechtes Zeichen? Warum schießen sie nicht? Sind doch nur noch 200 Meter. Liegt also dort niemand, oder haben sie so starke Nerven? Weiter rechts gehen einige in der Nähe des Fahrdammes mit Panzerfäusten in den Händen. Auch das noch. Panzerfäuste sind grundsätzlich aus einem Deckungsloch abzufeuern, dann, wenn der Panzer ganz nahe ist. Hier aber ist keine Deckung.

Vielleicht zählen die da drüben schon und geben sich gegenseitig ihre Ziele an. Verliert denn keiner da drüben die Nerven und ballert los? Dann wüsste man, wie man dran ist, kann unter Umständen noch etwas tun, auch wenn der Abstand kaum mehr als hundert Meter beträgt. Ist doch zwecklos, gebückt zu gehen. Oder doch? Gewöhnlicherweise gehen Soldaten in solchen Situationen immer etwas gebückt, ohne es selbst zu merken. Oder wäre es besser, stehen zu bleiben, um auf diese Weise herauszufordern, herauszufordern mit der ganzen Körpergröße, sich anbieten, auf dass der andere sich verrät? Wäre es nicht besser, statt in Schützenlinie breit vorzugehen, einen Keil voranzutreiben, den sie abfangen müssen? Nach drüben ist nicht mehr weit, vielleicht noch ein wenig mehr als hundert Meter. War vielleicht unklug, in dieser Breite gleichmäßig vorzugehen. Die Nebenmänner schauen sich zunehmend fragend an. Doch keiner weiß eine Antwort. Antworten kann nur der Feind. Ein jeder erinnert sich, um es sich zu merken: Dort die kleine Brücke, ein kleiner quer verlaufender Graben, Riedgras nicht hoch, ein paar Obstbäume in einer Reihe stehend. Das muss man wissen für einen eventuellen Rückzug. Wie alt mögen die da drüben sein? Sicher nur ein wenig älter. Soldaten schauen unter dem Stahlhelm und den Waffen in den Händen viel älter aus. Aber warum schießen sie nicht? Die Schritte werden kürzer. Verdammt, hier und gerade hier fast aufrecht zu gehen, ist wirklich ein Wagnis. Wenn drüben die anderen sind, dann liegen sie und haben den Vorteil warten zu können. Feucht und schwarz glänzen die Stiefel. Sie schlürfen über das niedrige Gras. Und wenn es mich trifft? Ein Zwanzigjähriger ist gefallen, wird man sagen. Doch das stimmt nicht ganz. Nicht zwanzig Jahre sind ausgelöscht, sondern auch die sicher noch folgenden fünfzig Jahre mit all den Möglichkeiten zu leben. Und nicht nur das. Auch die, die seine Nachkommen hätten sein können, also weit in das Jahrhundert hinein. All das ist zu Ende mit einem einzigen Schuss, der getroffen hat, und das Treffen hat man lange geübt, haben die dort drüben geübt wie auch wir. Aus der Ferne ist auch nichts zu hören. Hat man wohl aufgehört mit dem Krieg? Gestern noch hat der Gegner mit seinen Granateinschlägen für kleine Deckungslöcher gesorgt. Heute verweigert er auch dies. Sollten sie tatsächlich dort drüben am Waldrand liegen, so hat ein jeder schon einen der Herankommenden im Visier und den Finger am Abzugbügel seines Gewehrs. Oder sucht er nach einem anderen, der sich besser anvisieren lässt? Doch keiner drückt ab. Der Chef von drüben weigert sich wohl, den Feuerbefehl zu geben, und wartet noch auf die günstigste Entfernung, auf ein Maß, das Treffer garantiert. Sicher haben sie gefrühstückt. Sie liegen auf dem Bauch, die da kommen, gehen aufrecht. Die Feuchtigkeit dringt allmählich durch die Stiefel. Sie glänzen zunehmend feucht und schwarz. Von Zeit zu Zeit verengt sich die Welt auf die Stiefelspitzen, um das drohend Gegenwärtige nicht fühlen zu müssen. Es sind die Kleinigkeiten, die da ablenken, ansonsten müssten die Nerven reißen und die Reaktion zu der eines Tieres sich wandeln, das dann vernünftigerweise die Flucht ergreift. Aber der Mensch hat hinter sich einen, der befiehlt, und dem zu gehorchen, ist soldatische Pflicht. Tiere sind keine Soldaten und entscheiden selbst, was sie tun. Sie scheinen noch in der Hand eines anderen zu liegen, der sagt, was sein soll. All diese Gedanken sind keine Gedanken, nicht feststellbar und nicht haltbar, keine Überlegungen, die diszipliniert durch den Kopf gehen. Nur ein Sammelsurium von unkontrollierten Gefühlssprüngen. Es denkt, nicht ich denke. Nur es. Doch eine Überlegung bleibt klar und deutlich: Warum schießen sie nicht? Vielleicht liegt drüben niemand, drüben, noch neunzig Meter entfernt. Oder sind es nur noch achtzig Meter? Oder gar nur noch siebzig Meter? Nein. Vielleicht hundert Meter.

Langsam vorwärts. Das Gewehr fest im Griff, den Lauf nach vorne gerichtet. Vorsicht! Nichts ist da vorne zu sehen, was gefährlich ausschaut, nichts ist vorauszusehen. Nur der Wald dort drüben. Der aber schweigt. Könnten die dort drüben im Wald, wenn sie überhaupt da sind, doch kundtun, dass sie da sind. Ein Schuss würde genügen und wir wüssten, dass die dort drüben in der besseren Position sind. Wir wüssten dann, dass wir von Anfang an die Unterlegenen sind auf dieser Ebene, weil ungeschützt und ausgeliefert, ohne Aussicht, hinüber zu kommen. So könnte eine vorläufige Entscheidung fallen. Wir würden uns zurückziehen und sagen: ein andermal treffen wir uns wieder, wenn die Chancen gleich verteilt sind. So aber kann es nur auf unserer Seite Tote geben – und ihr dort drüben, ihr hättet keinen Schaden und wir auch nicht. Wo bleibt die ritterliche Vornehmheit? Wir kehrten um, ohne uns feige nennen zu müssen, und ihr könntet bleiben, so ihr seid, ohne die, die ihr nicht einmal kennt, erschossen zu haben. Der Wald aber schweigt weiter. Vielleicht ist dort drüben doch einer, ein einzelner, der uns warnt, der seine zivile, seine bürgerliche Ritterlichkeit über das Kriegsgeschehen herübergerettet hat. Doch kein Schuss fällt, kein Warnschuss. Oder sollten wir uns ergeben? Wem ergeben, wenn keiner dort drüben mit dem Gewehr im Anschlag liegt? Wie stünden wir da mit erhobenen Händen. Unser Auftrag lautet anders: Angreifen, falls dort drüben der Feind liegt. Einsatz auch gegen die Ungewissheit. War nur so ein blitzartiger Gedanke, der heraufgekommen ist.

Der Krieg denkt anders, seine Strategie frisst Nachdenklichkeit.

Da knallt es plötzlich nahe vorbei und dann knapp über dem Kopf. Dort fällt einer zur Seite. Jetzt ist es gewiss. Sie sind dort drüben. Doch diese Gewissheit reißt ein noch größeres Loch der Unsicherheit auf. Hinwerfen, sich hinwerfen, um zu verschwinden. Das Gesicht ins Gras gedrückt, der vordere Stahlhelmrand hakt in die Erde, die Fersen niedergedrückt, den Bauch eingezogen, damit der Rücken möglichst weit nach unten kommt, gepresst auf den feuchten Boden, die Ellbogen flach und breit gespreizt, den Kopf dann etwas zur Seite gewandt, um wenigstens ein wenig zu sehen. Man möchte gar nichts sehen, spürt aber, wie die Geschosse nur wenige Zentimeter über den Rücken knallen. Deutlich ist auszumachen, dass der Geschossknall fast mit dem Mündungsknall zusammenfällt. Daraus ist zu schließen, dass man ganz nahe an dem Schützen liegt, der einen ins Visier genommen hat. Vielleicht achtzig Meter. „Kurt! Max! Christian!“ ruft Busch. Er hört die keuchende Antwort. Sie sind also noch da. Und dann kracht und pfeift es die ganze Front entlang. Keine Möglichkeit, das Feuer zu erwidern. Jede Bewegung erhöht den Körper. Hinunter! Doch die Fläche hat keine dritte Dimension. Sie ist zuerst zu ergraben. Busch tastet vorsichtig nach seinem Spaten und fängt an, den Kopf zur Seite gedrückt, wenigstens für den Kopf eine kleine Mulde zu graben, nein, zu scharren. Jeder Zentimeter an Tiefe gewonnen, ist wertvoll. Ein mühevolles Scharren. Der Boden ist unter der Grasnarbe steinig und nicht leicht wegzukratzen. Fersen unten lassen, Ellbogen flach auf die Erde, jede geringste Erhebung vermeiden und dann endlich den Kopf mit dem Gesicht voran in die Mulde gedrückt. Dann ein klein wenig für den Brustkorb freikratzen. Das Scharren ermüdet, eine kleine Pause, um den Krampf im Arm zu lösen – und stets knallt es über ihm, peitscht der Gechossknall. Wie kann man nur auf Menschen schießen! Er hält den Spaten in der kleinen Pause vor den Kopf an den vorderen Rand des Stahlhelms, schräg das Blatt gelehnt. Ein harter Knall und ein Schlag auf das Spatenblatt, das schräg geneigt ist. Der Spaten wird ihm aus der Hand gerissen und fällt irgendwo zu Boden. Jetzt ist er völlig schutzlos, weshalb er sich entscheidet, wie eine Flunder rückwärts zurückzukriechen, Meter um Meter. Erinnert er sich doch, dass hinten ein kleiner Graben querläuft. Da hinein wäre vielleicht die Rettung. Der Waffenrock schiebt sich über den Kopf und will sogar über den Kopf hinaus. Die Hose schlüpft aus den Stiefeln. Der Rock staut sich am Stahlhelmrand, und der Riemen schneidet ins Kinn. Der vordere Rand des Stahlhelms furcht in die Grasnarbe. Das feuchte Gras dringt ins Hemd. Aber er muss unten bleiben. Knapp zischen die Geschosse über ihn hinweg. Das Kinn schleift über die Grasnarbe, die sich zwischen Kopf und Stahlhelm schiebt. Nur unten bleiben, nur unten bleiben! Flach, ganz flach! Das Koppel hält noch einigermaßen alles zusammen, die Patronentaschen stören. Anscheinend liegen die da drüben auf gleicher Höhe, nicht um ein weniges erhöht, sonst wäre es für sie ein Leichtes, schräg nach unten zu schießen und zu treffen. Endlich spürt er mit den Stiefelspitzen den Rand des Grabens. Noch ein Stück weiter, nur hinein, flach bleibend, gequetscht. Wenigstens etwas Sicherheit. Für wie lange? Seinen Nebenmännern ist es auch gelungen. Sie liegen halb ausgezogen in Rufweite, der Kurt, der Helmut und die anderen, nicht viele, denn viele sind getroffen. Das Gewehr ist verschmutzt, war nur am Riemen mitgezogen worden. Wie soll das weitergehen?

Ständig streichen Maschinengewehrsalven über das Gelände und knapp über die Köpfe derer, die da zusammengekauert daliegen. Der amerikanische Flugbeobachter beginnt seine Kreise zu ziehen. Mit Artilleriebeschuss ist also baldigst zu rechnen. Granaten auf diese kleine Fläche – nicht auszudenken. Man sollte das Aufklärungsflugzeug abschießen. Womit? Und schon jault es und schlägt ein, birst, kracht trocken und hart und erbarmungslos. Die Erde spritzt auf, Grasklumpen torkeln durch die Luft und fallen wieder nieder. Es riecht nach Schwefel oder so ähnlichem, nicht definierbar, und nach Erbarmungslosigkeit. Die meisten Einschläge treffen das Feld hinter dem Graben. Sie wollen anscheinend abriegeln und einen Entlastungsangriff unmöglich machen. Sperrfeuer! Dann nähern sich die Einschläge dem Graben und krachen weiter vorne nieder. Das Flugzeug kreist seine engen Kurven und leitet das Feuer. Zischen und Pfeifen, Surren und Zwitschern mischen sich zusammen in ein Inferno, in eine Verrücktheit, ausgelöst von denen, die sich noch nicht gezeigt haben. Das macht alles so unheimlich, und jeder weiß, es kann nur der Zufall sein, wenn es mich nicht trifft. Was muss alles zusammenfallen, dass es mich nicht trifft, dass es mich trifft? Ich weiß es nicht. Da hat der Mensch den Zufall entfesselt und andere ihm ausgeliefert. Getroffenwerden und Nichtgetroffenwerden, beides ist Zufall. Leben hängt nur noch an diesem Zufall. Das ist doch nicht menschenwürdig, entspricht nicht dem, was Leben verlangt. Zufall und Leben passen nicht zusammen. Der Zufall ist auszuschalten, wenn das Leben gelten soll. Hier aber hat der Zufall das Sagen und macht machtlos.

So liegen sie schon über eine Stunde im kleinen Graben, der kein Wasser führt. Wie lange noch? Kein Soldat der Gegenseite erscheint. Dort das mörderische Material, hier Menschen, die nicht zur Gegenwehr aufstehen können, die nur die einfachsten Waffen haben, die nicht gerichtet werden können gegen jemanden, denn Jemand ist nicht da, liegt entweder getarnt am Waldrand oder steht weit hinten an den Geschützen oder hinter dem Schild der Pak, die dumpf dazwischenfeuert. Die Zeit vergeht, ohne dass das Schießen aufhört. Der vorsichtige Blick über den Grabenrand lässt Körper erkennen, die regungslos daliegen in ihren grauen Uniformen. Regungslose Klumpen. Und trotzdem geht das mörderische Ackern weiter. Es reicht doch, es hat gereicht für viele, es reicht für die, die noch da sind. Das müssen die dort drüben doch auch erkennen. Aber es reicht denen dort drüben noch nicht. Wieder und wieder jaulen die Granaten, diesmal auf die Flügel hinaus. Doch keine trifft in den Graben – zufällig.

Busch sieht die wenigen Obstbäume hinter sich und denkt – warum, weiß er nicht – an seinen Physikunterricht. Einfallswinkel ist gleich Ausfallswinkel. Warum fällt ihm das ein? Ein Abpraller von einem Baumstamm hat den gleichen Winkel, mit dem das Geschoss an den Baum geprallt ist. Querschläger nennt man sie und sind äußerst gefährlich, reißen tiefe Wunden. So schätzt er die Möglichkeit ab, die ihn aus dieser Gefahrenzone bringen könnte. Doch zu berechnen ist diese Möglichkeit nicht, denn da stehen mehrere Bäume, und die abfeuernde Seite drüben ist breit. Doch er versucht es, kriecht ein Stück nach rechts und bleibt dann liegen. In diesem Augenblick spürt er einen harten Schlag. Er greift nach hinten. Ein Querschläger hat seinen Brotbeutel getroffen, ist durch eine Büchse Leberwurst gedrungen und im Fleisch steckengeblieben. Nicht tief. Er zieht die Dose heraus und legt sie neben sich. Dann tastet er nach der Wunde. Nur eine nicht tiefe Fleischwunde, blutet kaum. Er wollte dem Zufall auskommen und ist damit in diesen hineingeraten. Dann spürt er eine runde Blechschachtel im Brotbeutel. Schokakola, rund, noch nicht geöffnet. Er öffnet sie und sagt mit aufkommendem Zorn: „Die sollen sie auch nicht haben“, bricht ein Stück ab und schiebt es in den Mund. Kauen ist eine gute Ablenkung.

Er blickt sich nach Kurt um. Dieser liegt einige Meter links von ihm und späht vorsichtig über den Grabenrand hinaus. Langsam schiebt er das Maschinengewehr nach und kauert sich dahinter. Will er vielleicht schießen? Busch ruft ihm zu: „Lass das! Du siehst ja nichts.“ Doch Kurt schießt und lässt den Gurt halb durchlaufen. Sofort pfeift es von der Gegenseite herüber und über beide hinweg. Sie haben anscheinend genau beobachtet und das Mündungsfeuer gesehen. Wer in einer solchen Situation schießt, verrät sich. Kurt weiß das auch. Warum schießt er dann? Eine Befreiungshandlung? Ein Zwang, sich Luft zu machen? Das Bedürfnis, in das Zischen von der Gegenseite auch hineinzuzischen, um sich…? Kurt lässt es nun sein. Es war ihm wahrscheinlich zu eng geworden, eine psychologisch zu erklärende Befreiungshandlung, die im Versuch bereits steckenbleiben muss. Er sieht die Sinnlosigkeit seines Handelns ein und kauert wieder zusammen. Über ihnen kreist immer noch der Beobachter, der das Granatfeuer auf die geringste Bewegung lenkt. Das Gewehrfeuer lässt nach, bricht wieder auf und kontrolliert die gesamte Fläche. Rufe nach Sanitätern sind zu hören. Aber Sanitäter sind nicht da. Warten, was da noch kommen wird. Die da draußen verwundet liegen, brauchen Hilfe. Aber niemand kann helfen. Am ehesten können noch die helfen, die drüben am Waldrand liegen. Aber sie begeben sich nicht in Gefahr. Auch die andere Seite kann nicht helfen. Das Gefühl, nicht helfen zu können, zeigt den Irrsinn überdeutlich.

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